The Magnificent Brotherhood
live at
Wild At Heart
Berlin, 23.07.2009

review by Rebecca Enzinger
originally published in Tinnitus Mag



Ich habe eine gute Fee, die mich manchmal auf Konzerte begleitet. Dann versteckt sie ihre rosaroten Flügelchen unter einem locker sitzendem Kampflesbenoutfit und zusammen gehen wir uns die ganz bösen Jungs mit wilden Haaren und lauten Gitarren angucken. Sie erfüllt mir drei Wünsche: Wodka Mate, Wodka Lemon, Wodka Wodka, und danach gehen wir Prinzen und Prinzessinnen schießen. Mit der Zwille. Jeder sollte eine gute Fee haben. Und eine Zwille. Für alle Fälle. Nach dem mysteriösen Verschwinden des Roten Hahns (jahrelang ein guter Freund, immer zugedröhnt bis in die Federspitzen) ist es merkwürdig, wo es mich auf der Suche nach dem ultimativen Konzert überall hinverschlägt.

The Magnificent Brotherhood zum Beispiel, um die es mir heute Abend zu tun ist, führte mich letztens schon ins Ballhaus Ost, wo die PA kapitulierte und trotzeshalber Bässe und Höhen gleichermaßen verschluckte. Statt psychedelischem Garage Punk gab es dann Punk aus der Garage. Ein Konzert wie eine vertonte Nulllinie. Aus der Brotherhood wird eine schlecht abgemischte Version der Stooges. Auch nicht übel, aber schon ärgerlich, die schlechten Boxen. Vor allem, wenn man weiß, wie es ungefähr klingen könnte. Im Wild at Heart ist der Sound ganz großartig. Wir haben drei Lieder Zeit, das festzustellen. War ich es, die sich bei jeder sich bietender Gelegenheit über zu spät beginnende Konzerte aufgeregt hat? Das hat man nun davon. Jetzt fängt die Party ohne uns an, pünktlich um 10, heißt es. Richtig stören tut uns das aber eigentlich nicht. Schließlich sind wir nicht hier um uns stressen zu lassen, sondern um zum Trinken und Tanzen. Das tun wir dann auch in genau dieser Reihenfolge: Erst wird getrunken, dann getanzt. Stressfrei. Das Tresenpersonal ist wieder ganz bezaubernd und auch das vielsprachige Geschnatter im Biergarten trägt zur lockeren Atmosphäre bei. Im Gegensatz zu einem gewissen anderen Berliner Etablissement namens White Trash habe ich hier wenigstens das Gefühl, dass die Leute wissen, warum sie da sind. Tanzen tun sie auch fast alle, Männlein wie Weiblein; Menschen, Feen, Freaks. Einträchtig nebeneinander. Auch das ist schön. So gut ist die Stimmung, dass The Magnificent Brotherhood vor Zugabenwünschen gar nicht recht von der Bühne können. Ich begrüße das, von mir aus könnte es gerne noch eine halbe Stunde Zugaben regnen.

Ein Magnificent Konzert ist eine herrlich bunte, geblümte Zeitkapsel, sogar optisch könnten das die kleinen Brüder von Iron Butterfly sein. Aber: die Besten gehen immer zu früh von uns. So verabschieden sich die Brüder viel zu schnell mit großem Applaus und mit dem, was der Smash Hit des neuen Albums zu sein scheint: Invisible People. Ein Live Album übrigens, das den Namen Live Ammunition trägt. Wie man nach nur einem regulärem Album mit einem Livemitschnitt daherkommen kann, ohne sich komplett zum Affen zu machen? Man trägt lustig gemusterte Hemden, die dazu passende Frisur, haut den Leuten ein paar Rhythmen vor die Füße, die sie nie wieder stillstehen lassen, dichtet Zeilen darüber, die ausnahmsweise einmal nicht total bekloppt, sondern lustig und unterhaltsam sind und macht den Rest der Zeit kosmische Liebe mit den Instrumenten. Spaß haben an der eigenen Freakyness: das merkt das Publikum, wenn es auch sonst nicht viel merkt. Wenn man dann noch gut dabei aussieht kann man live gar nichts falsch machen.

Doch, doch, das geht. Die nachfolgenden The Movements aus Schweden sind ein Beispiel dafür, dass man das mit dem Aussehen auch übertreiben kann. Zumindest der Sänger findet sich selbst extrem sexy. Damit beweist er vielleicht Geschmack, aber dieses laszive, halbnackte Rumgeräkel vor den Ladies in der ersten Reihe finde ich dann doch ganz schön... panne. Andererseits: verglichen mit den Kreisen, in denen ich mich sonst so bewege ist das eigentlich schon fast emanzipative Provokation. Dafür spricht auch, dass sich die anwesenden Herren alle scheinbar gar nicht mehr angesprochen fühlen und den Club entweder verlassen, oder sich nach hinten zurückziehen. Also zurückgerudert: wahrscheinlich ist mir das alles nur zu süß. Der Typ, die Mucke, die Ladies in der ersten Reihe... Zuckerwatte und HubbaBubba statt LSD und Haschkekse. Ungesund ist zwar beides, aber letzteres macht doch irgendwie mehr Spaß. Egal, die gute Fee tanzt sich eins und tanzbar sind The Movements definitiv, aber der Hang zum eingängigen Pop macht das Ganze zu einer sehr flüchtigen Erfahrung. Man stopft sich den Mund voll rosa Zuckerfäden und in Sekunden schmilzt der ganze Berg dahin. Das ist für den Moment zwar toll, aber danach hat man doch Lust auf was Deftigeres.

Als die gute Fee und ich irgendwann nach draußen taumeln, ist uns beiden mächtig übel. Drogen und Süßkram haben uns den Magen verdorben. Aber das macht nichts. Es war eine laue Sommernacht. Wir waren jung und schön und wild at heart.

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